Festschrift 100 Jahre Marktgemeinde Gratkorn

16 100 Jahre Marktgemeinde Gratkorn: Ein Ort im Wandel der Zeit Bürgermeister a. D. Helmut Weber im Gespräch Sehr geehrter Herr Weber, Sie sind ein Ur-Gratkorner. Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang. Ich bin mit 15 Jahren in die Papierfabrik und habe dort erst Betriebsschlosser, dann Papiertechniker gelernt. So wechselte ich vom normalen Facharbeiter an die Papiermaschine im Schichtbetrieb. Im Laufe der Zeit wurde ich erst Mitglied im Jugendvertrauensrat und so ist es in der Gewerkschaft weitergegangen bis zum freigestellten Betriebsrat. Dann ging der Weg weiter in die Gemeindepolitik. Es war auch die Zeit von Persönlichkeiten wie JoachimRessel, Kurt Roth und Elmar Fandl. Heute sind die Papierfabrik und Gratkorn lang nicht mehr so eng verbunden. Wie ist dieses Auseinan- derleben vonstattengegangen? Zuerst muss man betonen, dass diese un- gewöhnlich enge Verbindung darauf auf- baut, dass die Gemeinde Gratkorn quasi aus der Papierfabrik heraus entstanden ist. Der Prozess hin zu einem inzwischen ganz normalen Verhältnis zwischen einer Gemeinde und ihrer Wirtschaft war über viele Jahrzehnte ein schleichender. An- gefangen hat es wohl mit der Übernahme der Papierfabrik durch den Konzern KNP. Da hatten wir schon das Gefühl, dass der Große von einemKleineren übernommen worden ist. Dann wurde die Papierma- schine 11 in Betrieb genommen und vier andereMaschinen sind abgestellt worden. Danach kam die Übernahme durch Sappi und auch die „digitale Revolution“, mit der sich viel veränderte. Es begann der Trend hin zu hochqualifizierten Fachkräften mit einer sehr strengen Auslese in den Aufnahmeverfahren. Die Zahl der Be- schäftigten sank und auch der Anteil aus der Gratkorner Bevölkerung ging leider merklich zurück. Die benötigte Anzahl an Spezialistinnen und Spezialisten ist in einem relativ kleinen Ort wie Gratkorn auch gar nicht vorhanden. Der Zuzug nach Gratkorn ist ungebrochen hoch. Wie ist das zu erklären? Das ist ganz einfach. Gratkorn erscheint nur beim Durchfahren nach einem reinen Industrieort aus. Wir haben aber viel Hin- terland, woman in einer grünen Idylle lebt. Gleichzeitig ist man in wenigen Minuten im Zentrum, Graz ist praktisch ums Eck. Neben Sappi ist auch der Hochtechnolo- giekonzern NXPmit mittlerweile 650 Be- schäftigten ein großer Faktor in Gratkorn. Dennoch bedauern viele Gratkornerinnen und Gratkorner den rückläufigen Zusammenhalt untereinander. Die Zeiten, in denen jeder jeden kennt, sind wohl vorbei. Die Zeiten ändern sich. Es geht nicht nur um den Zuzug: Früher war es allein daheim eher langweilig, alle suchten da- her Gesellschaft und Unterhaltung. Vom Fernsehangebot bis zu den digitalen Me- dien ist das heute ganz anders. Ein Zurück hat es in der Geschichte noch nie gegeben. Was kann die Gemeinde dieser Vereinzelung entgegenhalten? Doch einiges. Da sind einmal unsere rund 50 Vereine, jeder davon leistet einen wich- tigen Beitrag zum Gemeinsinn. Nicht zu vergessen der Einfluss von Kindergärten und Schulen als Orte, an denen sich die Eltern kennenlernen. Was die Gemeinde betrifft – da bin ich Günther Bauer be- sonders dankbar – sind es die vielen Ver- anstaltungen. Jede ist eine Einladung, am Gemeindeleben teilzunehmen. Corona war hier natürlich ein Drama, weil es praktisch alles unterbunden hat. Vor allem die Kinder und Jugendlichen wieder zu gewinnen, ist eine große Herausforderung. Die 100-Jahr-Feier ist jetzt ein Anlass, für ein besonders dichtes Angebot an „Get together“ zu sorgen. Es gibt noch einen Faktor, das sind wir Gemeindepolitikerin- nen und -politiker selbst: Wir haben sehr aktive Persönlichkeiten und Ausschüsse. Wer mit offenen Augen in Gratkorn lebt, sieht, dass bei uns viel passiert. Welche Zukunftsprojekte stehen in Gratkorn für Ihre Nachfolger in den nächsten Jahren an? Ich bin mir absolut sicher, dass Bürger- meister Michael Feldgrill die anstehenden Dinge erfolgreich umsetzt und auch viele neue Ideen einbringen wird. Hier ist die Fertigstellung der Volksschule zu nennen, aber das geht sehr gut voran. In Folge ste- hen als Sanierungsprojekte die Freiwillige Feuerwehr und der Wirtschaftshof an. Beide Gebäude sind zu klein und nicht mehr zeitgemäß. BeimHochwasserschutz wird es speziell in der Dult dringend an der Zeit, dass vom Planen ins Bauen ge- kommen wird. Leider verzögern neue Auflagen der Behörden den Baubeginn. Bei der Attraktivierung des Ortskerns geht viel weiter, hier müssen wir Unternehmern wie Sigfried Jaritz danken, die viel wei- terbringen. Ganz wichtige Themen sind Klimawandel und Bodenversiegelung: Hier ergeben sich vielfältige Aufgaben, wo auch auf Gemeindeebene künftig noch mehr gemacht werden wird. Helmut Weber war 17 Jahre in der Kommunalpolitik tätig und von 2015 bis März 2022 Bürgermeister von Gratkorn 100 Jahre Marktgemeinde Gratkorn: Bürgermeister a. D. Helmut Weber

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